Es gibt Momente im Berufsleben, da verlangt die Welt nach Klarheit. Nach intellektuellem Mut. Nach jemandem, der sich dem tosenden Strom der Belanglosigkeit entgegenstellt und die Wahrheit ausspricht, egal wie schmerzhaft sie ist.
Glücklicherweise gibt es dafür LinkedIn.
- „Die Chancen und Risiken der KI. Ein persönlicher Debattenbeitrag.“
- „Warum Demokratie ohne Haltung scheitert.“
- „So gewinnen Sie immer alles.“
Sätze wie Monolithe. Hier hat jemand die Komplexität der Weltgeschichte durchdrungen, synthetisiert und schenkt sie uns.
Das Prinzip dieser professionellen Erleuchtung folgt einer Dramaturgie, gegen die antike Tragödien wie Rohentwürfe wirken. Am Anfang steht die Guillotine-Überschrift. Sie richtet über ein Thema, an dem Heerscharen von Wissenschaftler:innen seit Dekaden scheitern, und begräbt es unter der Last absoluter Gewissheit.
Doch kaum hat der Leser vor Ehrfurcht die Tasse Hafer-Cappuccino abgesetzt, den Strohhalm von den Lippen gleiten lassen, über den eben noch die eigene Maschine mit irgendwelchen Sapplemenz ölte, tritt die rhetorische Weichspülung in Kraft. Um nicht aus Versehen eine tatsächliche Haltung einzunehmen, die Kunden oder HR verschrecken könnte, wird das Statement sogleich homöopathisch verdünnt:
- „Ich persönlich denke ja …“
- „In meiner Wahrnehmung …“
- „Meiner unmaßgeblichen Meinung nach …“
Es ist der intellektuelle Rückzug auf Bachblütenniveau. Man behauptet die Weltformel, verpackt sie aber als privates Bauchgefühl. Sollte jemand widersprechen, hat man ja schließlich nur laut gedacht.
Und weil eine echte Erleuchtung nicht ohne prophetische Mahnung auskommt, folgt sogleich die generische Kaskade der kollektiven Pflicht:
- „Wir müssen jetzt aufpassen.“
- „Es gilt, mit Bedacht vorzugehen.“
- „Man darf das Humane nicht aus den Augen verlieren.“
„Ach was!?“
(Vicco von Bülow alias Loriot)
Um den Text dynamisch abzubinden, folgt verlässlicher als das Amen in der Kirche der finale Appell an das Netzwerk:
- „Wir müssen jetzt alle mutiger werden!“
- „… Kante zeigen.“
- „… uns klar positionieren.“
Es ist der klassische Ausruf des Feldherrn, der weit hinter der Front im gepanzerten Zelt sitzt und den Fußsoldaten zuruft: „Stürmt los, ich drücke euch die Daumen!“ Echten Mut, eine eigene steile These zu riskieren oder gar anzuecken, hatte der/die Autor:in beim Schreiben natürlich nicht. Statt der Kunst des Krieges beherrscht er/sie dafür die Kunst der vollkommen risikofreien Verantwortung.
Und wenn man sich derartige Beiträge mal unter dem Mikroskop der Political Correctness anschaut, handelt es sich bei solchen Beiträgen eigentlich um das, was man in anderen Konstellationen unter Mansplaining subsummiert. Auf LinkedIn wird dieses Banalitätenbombardement aber toleriert. Weil? Der LinkedIn-Guru nicht so doof ist wie ein Boomer. Der klassischen Belehrmaschine alten Schlags reichte es, Recht zu haben und das Gegenüber betreten schweigen zu sehen – und nach einer dem Schlussakkord einer fulminanten Symphonie oder Oper gebührenden Pause der Andacht frenetischen Applaus entgegenzunehmen, zumindest zu erwarten. Das ist zum Scheitern verurteilt. DAS wäre Mansplaining. Der LinkedIn-Guru macht das anders. Er macht es besser. Er holt sich sein „Da capo“ in Form von Likes – noch beliebter sind Repliken wie „Stark!“, „Auf den Punkt!“, „Wertvoller Impuls!“ – durch die Suggestion von Interesse:
- „Was denkt Ihr darüber?“ – und/oder:
- „Wie seht Ihr das?“ – und/oder:
- „Was ist Eure Meinung?“ – plus dem Pflichtabbinder:
„Schreibt es mir in die Kommentare!“
Es ist die wohl atemberaubendste Umdeutung von Narzissmus in Gemeinschaftssinn: Ich schenke euch eine Banalität, für die sich nicht einmal mein Tagebuch interessiert hätte – und ihr bezahlt mich dafür mit den Algorithmus-Streicheleinheiten eurer Lebenszeit. Oder ist es einfach die Belohnung dafür, dass man einen Text las, der einem gefällt, mit dem man sich super identifizieren kann, den man wie ein schriftliches Spiegelbild empfindet? Den man sich noch entspannter reinziehen kann als einen Mango-Smoothie?
„Was denkt Ihr darüber? Wie seht Ihr das? Was ist Eure Meinung? Schreibt es mir in die Kommentare!“

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