Das neue Jahr beginnt ja für gewöhnlich mit guten Vorsätzen. Und „Ja!“: Wer zurückblickt, sieht nicht, was vor einem liegt.
Es ist schon ganz richtig, dass vor Rückschau und tieferer Betrachtung vor allem des eigenen Ichs von nicht ganz blöder Stelle gewarnt wird (Bibel („Salzsäule“), Nietzsche („Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“)), dennoch möchte ich zum Start des Jahres einen Preis verleihen für die
„FRAGE DES JAHRES 2025“.
Der Preis geht an einen Freund eines Freundes, der meinen Freund fragte:
„Kann Heiko eigentlich auch seriös?“
Als mir mein Freund das sagte, war meine Reaktion natürlich ein solides „HÄ!?“ – gefolgt von einem „Klar kann ich das.“, gefolgt von einem „Ich BIN seriös, ich verpacke es vielleicht nur komprimierter – und vielleicht auch mal (auf Empfangsebene) kompromittierender – in Form einer Pointe.“ Und schon erkannte ich das Sender-Empfänger-Problem.
Witz finde ich in der Kommunikation sehr wichtig. Nicht „einen Witz“, sondern Witz im Sinne von Charme, Esprit, Geistreichtum – ganz im Sinne des oft zitierten Shakespeare-Aperçus: „Um ernst zu sein, reicht Dummheit.“ Das geht ja noch weiter: „Aber zur Heiterkeit ist ein großer Verstand unerlässlich.“
Und aus dem klassischen Grund, dass man sein eigenes Wissen oftmals als allgemeines Wissen ansieht, unterstellt man seinem eigenen privaten Umfeld, dass es das Zitat entweder kennt oder zumindest dasselbe Werteverständnis aktiv besitzt. Man denkt sich „Das weiß doch jeder.“, „Das ist doch klar.“, und selbst wenn man daran zweifelt, fürchtet man, dass man, würde man es erklären, eine Art „mansplaining“ betriebe, denn was ist, wenn ich glaube, mein Gegenüber kennt das nicht, ich erkläre es, aber die Person kennt es doch. Was denkt mein/e Gesprächspartner/in dann von mir? Wohl „Glaubt der, ich bin doof?“ Genau das tue ich aber nicht. (Zumal ich ja niemanden für „doof“ halte, nur weil er/sie ein Shakespeare-Zitat nicht kennt.)
Aber die Frage wurde gestellt, und das hat ja auch seine Ursachen – und Dummheit seinerseits ist es nicht, denn die Person, die die Frage stellte, ist definitiv nicht doof. Im Gegenteil. Es ist ein Mann in einer sehr hohen Position, mit sehr viel Verantwortung, der sehr gebildet ist, sehr charismatisch, sehr empathisch, Chef zwar, der seine Ziele aber nicht mit Gewalt durchsetzen will, sondern mit Diplomatie, kurz: ein Mann, vor dem ich großen Respekt habe.
Also fragte ich mich als Erstes: „Hält er mich für doof?“ Nein, das tut er mit Sicherheit nicht.
Zweite, ebenfalls naheliegende Frage: „Hält er mich für unseriös?“ Nein, das tut er gewiss auch nicht.
Allerdings stieß ich da schon auf die wichtigste Frage in der Frage: „Was versteht er überhaupt unter ‚seriös‘?“
Also er zweifelt ganz sicher nicht meine Zuverlässigkeit und meine Denkschärfe an. Ergo kann es doch nur meine Ernsthaftigkeit, gegebenenfalls auch meine Diskretion sein, obwohl er für Letzteres hinreichend Belege hat, dass ich bei allem, was ich sage – was zugegebenermaßen viel ist –, nichts sage, was meine Verschwiegenheit in Frage stellt. Ich weiß immer alles, was ich sage, sage aber (nach außen hin) nie alles, was ich weiß.
Und eigentlich (bekanntlich ein Wort, das man eigentlich nicht braucht – um mal einen „Witz“ zu machen) gibt es auch keinen Anlass, an meiner Ernsthaftigkeit in der Sache zu zweifeln. Oder denkt er vielleicht doch, ich wäre dumm? Definitiv nicht.
Also liegt es an seiner Wahrnehmung. Und die liegt ganz sicher an mir. Aber auch an seiner Sozialisation bzw. an dem, was er ansonsten gewohnt ist. „Witz“ zählt hierbei ganz offensichtlich nicht dazu.
In seinen (Vorstands-)Kreisen geht es extrem faktenlastig zu. Es geht um Zahlen, Zahlen, Zahlen. Natürlich geht es auch um den Menschen, das Ambiente, Work-Life-Balance etc. All das zählt, aber auch nur, wenn es sich rechnet – und in diesem Umfeld (die einen nennen es „Board Room“, andere „Bored Room“) rechnet offensichtlich niemand mit „Witz“. Ihr Gehirn ist völlig linkslastig.
Die Hirnforschung lehrt uns, dass in der linken Gehirnhälfte Aufgaben wie logisches Denken, Analyse, Kontrolle, Sequenzierung verarbeitet werden, während die rechte für alles Kreative, für Intuition und Emotionen zuständig ist. Die Hirnforschung lehrt uns aber auch, dass es keine so superstrikte Trennung zwischen den Bereichen gibt. Kreativität und Analyse sind nicht getrennt; sie sind auf das gesamte Gehirn verteilt. Das hat Mutter Natur schon sehr clever angelegt, denn komplexe Aufgaben erfordern eine Vernetzung beider Hälften, um komplexe Aufgaben zu lösen. (Die Aussage allein grenzt für mich schon an „mansplaining“, weil es doch völlig (im volksmündlichen Sinne) logisch ist. Auch in unseren grauen Zellen gilt „teamwork makes the dream work“.)
Würde ich ihm das aber sozusagen rückwärts erklären, also mit dem englischen Satz beginnen und dann etwas zu den Hirnarealen sowie ihrer Zusammenarbeit referieren, könnte er das schon als „unseriös“ empfinden. Und beim Rest fühlt er sich womöglich nicht mit so etwas wie in unserer Bildungsliga Allgemeinplätzen und Selbstverständlichkeiten bombardiert, sondern in seinem Wissen bestätigt – und dadurch findet er mich dann eben nicht „banal“ oder „langweilig“ (wie ich es empfände), sondern für „klug“, weil ich weiß, was er weiß – und in der Folge dann auch für „seriös“.
Eigentlich ist das ja der Trick von Unternehmensberatern. Und KI-Modellen wie ChatGPT, Perplexity etc.: Affirmation.
Jemandem aber etwas zu sagen, was er schon weiß – und dafür viel Geld einzusacken, halte ich jetzt für unseriös. Natürlich wissen das diese Quellen zu kaschieren – meist dadurch, indem sie wieder die linke Hirnhälfte ansprechen. Sie produzieren Zahlen, Diagramme, Tabellen und Fakten in Bullets. Bestätigung geht vor Erkenntnis.
Jetzt könnte ich hieraus schlussfolgern: „Bescheiß‘ doch auch!“ Aber das mit dem „Beschiss“ ist ja nur meine Wahrnehmung. Die Wahrnehmung der Rezipienten – und wir alle wissen, dass der Erfolg jeglicher Kommunikation immer vom Empfängerhorizont abhängt – ist die der Seriosität. Weil sie ernsthaft ist. Zumindest so rüberkommt. Dann aber kommt mir wieder der Barde von Stratford-upon-Avon in den Sinn („Um ernst zu sein, reicht Dummheit.“) bzw. das Selbstverständlichkeitsverbot von § 3 UWG.
Ein echtes Dilemma. Und natürlich wissen die Entscheider, dass Lösungen immer eines Zusammenspiels beider Hirnhälften bedürfen. Wenn man ihnen nun aber seriös darlegt, dass sie ihre kreative Seite im Laufe der Zeit haben verkümmern lassen, kommt das definitiv nicht gut an. (Und KI forciert diese schlechte Entwicklung, weil sie ihrem Wesen nach extrem analytisch und systematisch agiert, sie gleichzeitig mit ihrem Sein und Tun (kostengünstig, schnell) die rechte Seite der Entscheider zusätzlich anspricht.)
Was aber, wenn der Fragesteller einfach nur indirekt anfragen ließ, ob ich in der Lage sei, seriöse Kommunikationsmaßnahmen zu konzipieren und umzusetzen?
Natürlich wäre ich das.
Aber ich würde mich dann fragen: „Warum sollte er so etwas wollen? Er hat ja schon seriöse Kommunikation.“ Und dass er die Frage überhaupt stellt, zeigt ja, was die Kommunikation bei aller Seriosität nicht ist: erfolgreich.
Warum also dieser Fokus auf „Seriosität“? War es nicht Einstein (oder wer auch immer es wirklich gesagt hat), der meinte, ein deutliches Zeichen von Wahnsinn sei, immer dasselbe zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten?
Vielleicht meint er all das nicht. Vielleicht befürchtet er nur, dass ich mit etwas komme, was sein Angebot „lächerlich“, „lachhaft“ oder „effekthascherisch“ darstellen würde – oder was auch immer er als „unseriös“ empfindet.
Das allerdings empfände ich als persönlichen Affront, würde er mir so etwas zu unterstellen, denn das – das weiß er, das weiß ich, und er weiß, dass ich das weiß – wäre ja völlig an der Zielgruppe vorbei.
Und so wie Lösungen ein Zusammenspiel der Gehirnhälften braucht, braucht es in der Kommunikation immer auch ein Zusammenspiel der Interessen des Anbieters und des Adressaten. Und die Zielgruppe besteht nicht nur aus einem Hirn. Sie hat ein zweites – und das kann keine KI und kein Excel-Chart je ansprechen.
Dieses eigenständige Netzwerk aus über 100 Millionen Nervenzellen im Verdauungstrakt, das eng mit Emotionen und Intuition verknüpft ist. oft klüger ist als all unsere Zahlenkolonnen zusammen. Fachleute nennen es „enterisches Nervensystem“. Wir nennen es „Bauchgefühl“.
Ich denke, das ist die Antwort.
Hm, wahrscheinlich war es sogar das, was ihn die Frage hat überhaupt stellen lassen.
Falls „Ja.“, denke ich, dass ihm die Antwort schmecken dürfte.

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