Wir alle kennen Zitate wie
„Ich denke, es gibt weltweit einen Markt für vielleicht fünf Computer.“
… das gerne dem CEO von IBM 1943, Thomas Watson Sr., in den Mund gelegt wird (auch wenn es dafür kaum Belege gibt – es passt einfach zu gut). Oder Steve Ballmer (Microsoft-CEO) 2007:
„There’s no chance that the iPhone is going to get any significant market share. No chance.“
Anfang der 1990er-Jahre glaubte ein gewisser Bill Gates, das Internet sei overhyped und würde niemals mainstream (auch das ist eher Legende als wörtliches Zitat, aber die Skepsis war real). Heute lachen wir alle darüber. Oder schütteln den Kopf über die deutschen Versandhäuser wie Otto oder Quelle: Die schätzten die deutschen Verbraucherinnen (vor allem die Damenwelt) so ein, dass sie niemals online einkaufen würden – zu unsicher, keine Haptik, keine Qualitätskontrolle vor Ort.
Genau wie bei der Waschmaschine: Das Gerät verkaufte sich erst richtig, nachdem jemand ein Fenster in die Tür baute, damit die Dame des Hauses mit eigenen Augen sehen konnte, was drin passiert.
Ich gehöre auch zu denen, die das alles verwirrt hat. Aber noch mehr verwirrt mich der Erfolg von Marken, die ich niemals für möglich gehalten hätte. Bin ich zu blöd? Zu verklärt?
Heute nicht mehr – dank Starbucks, McDonald’s, Subway, Instagram, Facebook. Wären diese Gründer zu mir gekommen und hätten eine ehrliche Einschätzung gewollt, hätte ich sie allesamt abgelehnt. Und das auch sehr valide erklären können:
- Jeder hat doch zu Hause eine Kaffeemaschine. Im Büro steht eine – mit richtigen Tassen. Kein Mensch zahlt 5 Euro für einen Pappbecher mit Milchschaum und Sirup. Der Preis ist nachvollziehbar (Top-Lage-Miete, Franchise, hippe Baristas), aber warum? Und dann diese Benamung: Mischmasch aus Englisch und Italienisch, der keinen Sinn ergibt. Firlefanz. Starbucks als das McDonald’s des Kaffees? Das wird nie funktionieren.
- McDonald’s hätte ich auch abgeraten, groß in Deutschland zu investieren. Bei uns gab’s an fast jedem Eck einen Metzger mit frischem, hausgemachtem Frikadellenbrötchen – groß, saftig, günstig – plus ’ne Limo dazu. Niemand wird das gegen ein Indistrieprodukt eintauschen.
- Der Gipfel für mich: Subway. Die Leute können sich doch selbst ein Brötchen belegen. Zu Hause geht’s schneller, der Kühlschrank fragt nicht „Extra Gurke?“, und beim Bäcker gab’s schon immer belegte Brötchen. Was will man mehr?
- Ein Foto für die eigene Insta-Story. Food Porn? Wer will denn sehen, was ich gleich esse? Das Restaurant vielleicht – aber sonst? Geht doch niemanden was an.
- Und damit wären wir bei Mobiltelefonen: Früher primär praktisch – man war unterwegs erreichbar. Basta. Heute? Dauerhaft sichtbar – und will gesehen werden. „Ich bin hier.“ „Ich bin hier.“ „Ich bin hier!“
- Früher gingen die Leute wegen einer Volkszählung auf die Straße. Heute gehen sie wegen Instagram essen – und posten der ganzen Welt, wo sie sind. Oder in Urlaub – und posten, wo. Einbruchsbanden lieben diesen Wahn.
- Facebook, genau dasselbe. Niemand will gestalkt werden, aber alle wollen, dass die Welt weiß: wo ich bin, wie’s mir geht, mit wem ich gerade schlafe. Irre!
Was lernte ich daraus: Deine Philanthropie in allen Ehren, aber werde Realist. Und wenn du schon intellektuell sein willst, beherzige Sokrates’ „Ich weiß, dass ich nichts weiß!“
Was sage ich mir heute: Überschätze deine Mitmenschen nicht.
Ja, der normale Rat heißt: „Unterschätze sie nie!“ – das klingt gut, stärkt das Selbstwertgefühl, macht den Kunden zum König. Aber die Zahlen zeigen was anderes: Er ist faul, bequem, narzisstisch, ein bisschen einsam. Natürlich nicht alle, und schon gar nicht vor sich selbst. Aber de facto?
Die Sozialen Medien sind super – für einen Marketeer. Man muss kein Misanthrop werden, aber es gibt auch keinen Grund, den Mitmenschen als Ideal zu verklären oder ihm blind zu glauben. Einerseits über steigende Preise meckern, andererseits an der Tanke shoppen? Weizen unterliegt im Anbau und in der Verarbeitung tausend Regularien, aber verkauft wird das Benzolbrötchen.
So ist der Mensch. So ist der Kunde. Klar denkt man oft: Der kann mich gernhaben. Aber umgekehrt wird ein Schuh draus. Man muss ihn einfach lieben – oder zumindest akzeptieren, wie er ist: faul, bequem, narzisstisch, einsam.
Und damit lässt sich nicht nur ein Euro machen. Heute weiß ich das. Und entsprechend realistisch mache ich mich ans Werk – auch wenn ich von der Idee erst nicht überzeugt bin. Heute weiß ich, wie man sie überzeugend rüberbringt: Indem man dem Menschen nicht das gibt, was er sagt, was er will. Das ist nämlich nur seine Rolle. Sondern das, was er wirklich will – als Mensch. Und damit hat er genau das, was er für seine Rolle braucht: das Gefühl, etwas Besonderes zu ein.
Machen!
0179/6915597

0 Kommentare